Drohne mit Paket
Ganz weit oben, ganz weit unten

Visionen für die Großstadtlogistik von morgen

Fliegende Lagerhäuser und unterirdische Transportpipelines: Da der Verkehr in großen Städten den Logistikunternehmen das Leben schwer macht, sehen die sich nach Alternativen um. Dabei entwickeln sie Ansätze, die noch immer nach Science Fiction klingen, aber schon bald Realität sein könnten.

457.000 Stunden verbrachten die Deutschen 2017 im Stau, einen großen Teil davon im Stadtverkehr. Denn Großstädte werden voller und voller, vor allem ihre Straßen. In den 1950er Jahren lebte etwa die Hälfte der Menschen in Städten, heute sind es drei Viertel. Untersuchungen zeigen, dass viele europäische Großstädte in Sachen Arbeitsplätze und Einwohnerzahl stärker wachsen als die Länder, in denen sie liegen. Experten prognostizieren, dass sich die Urbanisierung bis 2050 auf 83 Prozent beläuft.

Für die Logistik bleibt das nicht ohne Folgen. In den Städten steigt der Bedarf an Wohnflächen, denen häufig Gewerbeflächen weichen müssen. Das zwingt Logistikunternehmen, ihre Lager an den Stadtrand zu verlegen und längere Lieferstrecken in Kauf zu nehmen. Gleichzeitig steigert der Onlinehandel das Paketaufkommen, kleinteilige Einzelbestellungen und verschiedene Auslieferungspunkte fragmentieren die Lieferprozesse.

In der Folge nimmt der Lieferverkehr in Städten spürbar zu, was nicht ohne Probleme bleibt. Schon heute verursachen Lieferdienste 80 Prozent der innerstädtischen Staus, weil sie ihre Fahrzeuge auf der Fahrbahn abstellen. Eine Besserung ist nicht in Sicht: Die Verkehrsverflechtungsprognose des Bundesverkehrsministeriums prophezeit, dass der Gütertransport auf Straßen zwischen 2010 und 2030 um rund 40 Prozent anwächst.

Fliegende Lagerhäuser

Da wundert es nicht, dass Unternehmen nach Alternativen suchen, um auf Straßen verzichten zu können. Die Logistik der Zukunft orientiert sich in neue Richtungen: nach oben und nach unten.

Nach oben blickt die Idee, sich vom horizontalen, großflächigen Lagerhaus am Stadtrand zu verabschieden und an zentralen Stellen Lagerhochhäuser zu errichten. Das trägt dem Umstand Rechnung, dass sich die Funktion vieler Lager im Laufe der Jahre gewandelt hat. Dienten sie früher hauptsächlich der Lagerhaltung, sind sie heute oft Orte für schnellen Warenumschlag.

Lagerhochhäuser in Europa

Entrepôt Ney

Das dreigeschossige Lagerhaus mit Zufahrtsrampe liegt im 18. Arrondissement von Paris. Es bietet eine Logistikfläche von 120.000 Quadratmetern und liegt direkt an einem wichtigen Knotenpunkt am Pariser Autobahnring mit gutem Zugang zum Großraum Paris.

Pantin Logistique

Das Lagerhaus liegt unmittelbarer Nähe zum Pariser Stadtring und bietet eine Lagerfläche von 150.000 Quadratmetern. Namhafte Unternehmen wie Louis Vuitton, Hermès und La Poste nutzen den Standort.

X2

Das X2 liegt direkt am Londoner Heathrow Flughafen und bietet 21.775 Quadratmeter Lagerfläche. Es besteht aus einem Erd- und einem Obergeschoss, das in vier Einheiten aufgeteilt ist. Jede Einheit hat eine lichte Höhe von sechs Metern und Zugangstore auf zwei Etagen.

In großen Städten in Japan, Singapur, Hongkong und China sind solche Logistik-Hochhäuser bereits übliche Praxis. In Europa sind sie noch Zukunftsmusik. Erste Bauten, die diesen Ansatz verfolgen, gibt es aber auch bereits in europäischen Großstädten. Beispielsweise das X2-Gebäude am Londoner Flughafen Heathrow, das 2008 fertiggestellt wurde.

Noch höher hinaus will Amazon. 2016 ließ der amerikanische Lieferriese das Konzept für ein fliegendes Lagerhaus patentieren. Über den Dächern schwebende Fulfillment-Zentren sollen als mobile Anlaufstationen für Lieferdrohnen dienen. Bisher ist das allerdings noch Theorie.

Mit der Tunnelbahn in die Innenstadt

Andere Pläne führen dagegen in die Tiefe. In einigen Stadtzentren gibt es bereits erste Versuche, mehrgeschossige Logistik-Hubs unter die Erde zu betreiben. In Paris unterhält beispielsweise Chronopost zwei Untergeschossanlagen im Zentrum der Stadt. Die erste wurde 2005 eröffnet und liegt in einer ehemals städtischen Parkgarage unter dem Place de la Concorde. Die zweite folgte 2013 und liegt in Beaugrenelle am Kai der Seine unter einem Gebäude.

Eine weitere Methode ist der Einsatz unterirdischer Frachtpipelines. Im Auftrag der britischen Regierung hat das Unternehmen Mole Solutions eine entsprechende Machbarkeitsstudie durchgeführt. Die Pläne sehen vor, innerstädtische Knotenpunkte durch Pipelines mit Konsolidierungszentren am Standrand zu verbinden.

Fahrerlose, stromgetriebene Kapseln transportieren die Güter entlang einer unterirdischen Strecke, im Optimalfall rund um die Uhr. Die letzte Meile bis zum Kunden soll mit Elektrofahrzeugen oder Fahrrädern zurückgelegt werden. Nach erfolgreichen Tests hat Mole Solutions die Freigabe für ein Pilotprojekt in Northampton erhalten.

Auch in anderen Ländern laufen bereits Versuche mit Pipelinesystemen. Beispiele sind das CargoCap-System in Deutschland, das PipeNet-Konzept in Italien und der Tube Cargo Express (TCX) in Belgien.